Jetzt ist es vorbei. Auch ich habe es seit zwei Wochen geschafft. Harry Potter ist für mich Geschichte. Alle sieben Bände sind mit Sorgfalt und Begeisterung gelesen und werden fürderhin ihr Dasein nun vorwiegend im Bücherregal fristen und allmählich einstauben. Und ich werde diejenigen beneiden, die die Geschichte des jungen Magiers noch nie gelesen und mithin noch vor sich haben.
Angefangen hatte bei mir alles vor mehr als sechs Jahren. Band 4 war gerade erschienen und ich las fasziniert im Spiegel einen Artikel über die unglaubliche Harry-Potter-Hysterie, von der ich davor noch gar nichts mitbekommen hatte: Von den euphorisierten Fans; der arbeitslosen Frau, die im Café sitzend nicht nur ein Bestseller nach dem anderen schrieb, sondern dabei gleich ein ganzes Universum erschaffen hatte.
Ein Kinderbuch, das auch und vor allem Erwachsene lesen? Das machte mich neugierig. Also kaufte ich mir umgehend den ersten Band. Und zwei Wochen später begeistert Band 2. Und noch etwas später euphorisch Band 3. Und ein paar hundert Seiten danach schließlich Band 4. Ich las! Ich las in der S-Bahn, im Bett, im Skiurlaub, teilweise laut vor dem Kinderbett des kleinen Baby-Prinzen, der zwar kein Wort verstand, aber damals teilweise nur einschlief, wenn er eine vertraute Stimme hörte.
Ich las wirklich mit immer weiter wachsender Begeisterung, nicht zu schnell, aber klarerweise war auch Band 4 irgendwann beendet. Und will man mein Leben seither extrem knapp zusammenfassen, dann bestanden die letzten Jahre vor allem darin, dass ich auf den nächsten Band wartete. Wobei die Abstände ja immer größer wurden, was nicht dadurch kompensiert werden konnte, dass auch die Bücher immer dicker wurden. Ich wartete. Und wartete. Und wartete. Bis es wieder was zum Lesen gab.
So sehr freute ich mich, wenn Frau Rowling endlich wieder zu Potte mit dem Potter gekommen war, dass es praktisch schon kultischen Charakter hatte, mit dem frisch ergatterten Buch nach Hause zu fahren, um es in einem sehr andächtigen Moment dann zu beginnen. Dabei ging es mir immer dann immer gleich: In den ersten 100-200 Seiten las ich zwar mit Interesse, aber mit verhaltener Begeisterung, weil es etwas dröge losging - beispielsweise mit einer Quidditch-WM -, um in der Mitte dann packender und gegen Ende aus meiner Sicht wahrhaft zauberhaft zu werden.
Band 5 habe ich übrigens als einziges Potter-Buch auf Englisch gelesen. Das ging auch, macht aber nicht ganz so viel Spaß wie die Lektüre der deutschen Bücher. Folglich habe ich diesen Sommer damit verbracht, Artikel über Harry Potter und das lange angekündigte Ende der Serie zu ignorieren.
Noch heute wünsche ich dem Kolumnisten der Süddeutschen die Pest an den Hals, der in diesem August auf Seite 3 - bei den politischen Kommentaren (!) - in den ersten fünf Sätzen, also ohne das man hätte aufhören können zu lesen, das Ende verraten hat. Nicht, dass dieser Kommentar in seiner Überschrift einen Bezug zu Harry Potter verraten hätte - der miese Schreiberling hat einfach eine rhetorische Brücke von gewissen Werthaltungen der großen Koalition zum Ende des Buches knüpfen wollen. Ein unfassbar großes Foul, wenn man vorher trotz Pottermania wochenlang erfolgreich vermieden hat Informationen über den Schluss zu erfahren.
Klar, dass hier allein deswegen nicht verraten wird, wie die große Konfrontation zwischen Harry und Du-weißt-schon-wem letztendlich ausgegangen ist. Nur so viel: Harry Potter ist deswegen mitunter schwierig zu lesen, weil sich alle Bände aufeinander beziehen, und manche Informationen wichtig sind, die zumindest ich bereits vor Jahren gelesen und schon längst vergessen hatte. So manches Mal habe ich wenigstens im sechsten Band nachgeschlagen, um die eine oder andere für meinen Lesefluss wichtige Information zu bekommen.
Der siebte Band war für mich ein absoluter Höhepunkt. Auch dieses Buch fing so verhalten an, dass ich mich fragte, warum ich das so gerne lese. Aber von Seite zu Seite wurde es dann immer spannender. Nach dem vorletzten Kapitel habe ich mich nachts um vier mit erheblicher Selbstdisziplin gezwungen das Licht auszumachen - das letzte Kapitel wurde dann wenige Stunden später, morgens um halb neun, unmittelbar nach dem Öffnen der verquollenen Augen bewältigt. Ich las wie in Trance, gepackt vom Finale, stellenweise sogar mit einigen Tränen der Rührung in den Augen, was mir eigentlich vorher beim Lesen so noch nicht passiert ist.
Harry Potter ist jetzt erwachsen. Ich bin auch viel älter geworden in diesen Jahren des Lesekults. Der Prinz ist kein Baby mehr, sondern lässt sich nun bereits den zweiten Band vorlesen. Den ersten Band hat er bereits als Buch und Film hinter sich gebracht und über die Details von Hogwarts ist er bestens im Bilde.
Zwei ungesehene Filme wird es noch geben - nett, aber im Vergleich zum Buch stets enttäuschend -, aber sonst ist alles vorbei. Das ist wie wenn man von einem langjährigen Wegbegleiter verlassen wird. Schade, wirklich schade. Natürlich gibt es viele andere tolle Bücher. Von denen werde ich einige lesen. Aber ob mein Herz noch einmal so bald dermaßen vor Vorfreude hüpfen wird, wenn ein dickes Buch meine Tasche schwer macht?
Sollte Frau Rowling jedenfalls eines fernen Tages auf den Gedanken kommen, doch noch mal ein weiteres Abenteuer mit Harry zu Papier zu bringen, dann werde ich am gleichen Tage eine Eule mit einer Bestellung losschicken und wieder mit dem begeisterten Warten beginnen.
O.




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