Ich muss vielleicht zehn Jahre alt gewesen sein, als ich die Annonce zum ersten Mal sah. Und von da an für Jahre jede Woche. Sie war gerne auf letzten Seiten – auf Fernsehzeitschriften, Groschenromanen oder kostenlosen Beilagen. Es war stets eine bizarr anmutende, ganze Seite, die unterteilt war in etliche Kästchen mit verschiedenen Produkten, zwischen denen kein erkennbarer Zusammenhang zu bestehen schien. Das Druckbild war wirr, bestellt hat man mangels Geld sowieso nie etwas, aber dennoch lag ein eigentümlicher Reiz darin, sich immer wieder einige Minuten Zeit dafür zu nehmen.

Jedes der Produkte war via Mini-Bildchen abgebildet und ebenso euphorisch wie liebevoll beschrieben. Wobei die kleinen Textchen sehr prägnant zu überzeugen suchten, dass man auf die beworbenen Punkte kaum verzichten konnte. Unten aber prangte stolz der Schriftzug, der für einen Erwachsenen sicherlich das eindeutigste Synonym für überflüssiges Zeug war – und somit vielleicht in gleichem Ausmaß uninteressant, wie es uns Kinder und später Jugendliche faszinierte: Tina-Versand.

Was dort auf einer Seite gleichzeitig versammelt war, lässt sich kaum glaubwürdig beschreiben: Auf der einen Seite gab es praktische Helfer für den Haushalt, wie etwa ein Rollenset, mit dem man Möbel verschieben konnte, oder eine Taschen-Nähmaschine. In Internet-Foren werden beide Produkte übrigens als absoluter Schrott beschrieben, was darauf hindeutet, dass es tatsächlich Leute gab, die sie mit großen Hoffnungen geordert haben.

Dann gab es Dinge, die uns Kindern besonders gefielen: Zum Beispiel die Sparbüchse, die aussah wie ein Sarg. Man blickte auf ein Plastikskelett. Legte man ein Markstück oder 10 Pfennige darauf, dann fing der Sarg an sich zu bewegen, eine Hand kam heraus und zog die Münze herein. Dies ist das einzige Produkt, welches ich jemals selber gesehen habe. Ich war sehr neidisch, dass es mir nicht gehörte.

Ein Klassiker war auch der Massagestab; er sah aus wie - und war auch - ein Vibrator, aber das Wort kannte ich damals noch nicht. Er wurde nach meiner Erinnerung als "erquickend und wohltuend" beworben, und abgebildet war eine Frau, die sich das Ding an die Backe hielt, und sie strahlte und sah tatsächlich ein bisschen so aus, als hätte sie eine sehr wohltuende Gesichtsmassage hinter sich. Wir hatten ja damals nicht einmal den Hauch einer Ahnung (es war noch lange vor der ersten Bravo), aber noch Jahre später, wenn es um Vibratoren ging, haben sich alle an dieses Bild erinnert und man machte die Geste der Frau in der Werbung mit dem wohltuenden Massagestab an der Backe nach.

Legendäre Produkte waren auch die Fernsehbrille, die den Fernsehapparat optisch in ein Kino verwandeln sollte, oder die Fernsehfolie, die aus dem Schwarzweiß-Fernseher angeblich in einen Farbfernseher machte.

Die Königin unter allen Produkten aber war eine Röntgenbrille. Sie kostete 9,95 DM, ein Vermögen. Regelmäßig haben wir auf einer Mauer gesessen oder auf der Wiese hinter der Schule und diskutiert, wie sie wohl funktioniert. Aus der Beschreibung ging glaube ich nicht sicher hervor, ob man Menschen damit als wandelnde Skelette oder sogar nackt sehen konnte. Unsere Phantasie kreiste jedenfalls zwischen diesen Polen, und immer wieder wurden genüsslich Situationen durchgesprochen, in der man so eine Röntgenbrille einsetzen könnte.

Vielleicht war die Röntgenbrille der erste Mythos in meinem Leben. Aber so war es mit allen Produkten vom Tina-Versand: Irgendwie hatte man selbst als Kind immer das Gefühl, das könne nicht stimmen oder funktionieren. Deswegen wäre man nicht im Traum darauf gekommen, sein karges Taschengeld dafür zu investieren. Aber andererseits – ganz ausschließen konnte man es nicht. Es war so ähnlich wie die Bemerkung meiner Großtante, dass wenn ich eine Fratze zöge und die Uhr dabei zur vollen Stunde schlüge, mein Gesicht dann so stehenbleiben würde. Geglaubt habe ich das zwar nicht – aber riskiert eben auch nicht.

So blieb die Röntgenbrille ungewünscht, ungekauft, ungetestet. Wir belauerten uns gegenseitig und hofften, dass irgendwann einmal jemand eine bestellen würde, sodass man mit einem ehrfürchtigen Kennerblick ihre Wirksamkeit hätte testen können. Wir wurden älter und damit immer sicherer, dass sie ein irrelevanter Fake sein musste. Aber ein Rest des unerfüllten Wunsches blieb.

Bei Ebay habe ich das Wort neulich eingegeben, und siehe da, Röntgenbrillen werden dort verkauft. Klar als Scherzartikel und Partygag diskriminiert.

Um wenigstens ein Fünkchen von diesem Mythos meiner Kindheit zu erhalten, werde ich die Röntgenbrille natürlich nicht bestellen. Ich werde mir zuliebe weiterhin wenigstens in einem klitzekleinen Rest meines Gehirns glauben, dass sie vielleicht wirklich funktioniert hätte, vielleicht nur, wenn man feste daran glaubt und sich ein Massagegerät an die Backe hält.

Vom Tina-Versand hörte man übrigens irgendwann nichts mehr, er verschwand lautlos, war wahrscheinlich plötzlich einfach nicht mehr da und irgendwann fiel auf, dass man dessen Anzeigen ja schon seit Jahren nicht mehr entdeckt hatte. Immerhin blitzt ein Teil seines Geistes und die damit verbundene Möglichkeit des ungezügelten Amüsement von Zeit zu Zeit in ausgewählten Aktionen der TV-Shops auf.

O.